Freie Fahrt

Seit Mitte November (2021) sehe ich so etwas wie ein inneres Bild, oder eher einen inneren Film. Von Jemandem. Ob dieser Jemand die Menschheit darstellt, das Massenbewusstsein, eine bestimmte Gruppe oder eine Situation, oder einfach einen Anteil in Jedem von uns, das weiß ich nicht genau. Ich hatte nach einer Weile ein Aha Erlebnis, doch es ist auch möglich, dass das „Aha“ bei Jedem woanders sitzt.

Doch es geht um die aktuelle Zeit. Jetzt.

Und so sieht es aus:

Jemand (zeigt sich mir als junger Mensch, eher männlich) sitzt auf einem Fahrrad und fährt einen Abhang hinab. Vielleicht von einem mittelgroßem Berg. Dieser Abhang ist so lang, dass das Ende nicht zu sehen ist, und so steil, dass eine ordentliche Fahrtgeschwindigkeit aufkommen „könnte“.

„Könnte“ deshalb, weil dieser Jemand zwar bergab fährt, aber er bremst. Die ganze Zeit. Und zwar mit seinen Füßen. Ich vermute, dass die Bremsen am Fahrrad ihren Geist aufgegeben haben, zumindest die Rückbremse. Die Vorderbremse ist eh kaum nutzbar, denn bei bergab würde er vornüber fallen.

Und so bremst er mit den Füßen, die ganze Zeit, und wirbelt dabei viel Staub und Schotter auf. Deshalb sieht er auch gar nicht, wo der Weg hingeht. 

Er kommt zwar vorwärts, aber bremst und bremst und bremst – immer stärker, so stark, dass er fast zum Stillstand kommt. Um ihn herum verdichtet es sich immer mehr. Es ist quälend für ihn, denn aus irgendeinem Grund weiß er, er muss da hinunter, und gleichzeitig hat er immense Angst, allzu schnell zu fahren…

Doch dann passiert etwas.

Er hat einfach keine Kraft mehr, mit seinen Beinen und Füßen die immer gleichen Bremsbewegungen auszuführen. Seine Augen brennen schon von dem Staub, den er aufwirbelt und er sieht bald gar nix mehr.

Die Möglichkeiten, abzusteigen, Pause zu machen oder umzukehren existieren schlichtweg nicht.

Es gibt nur eine Möglichkeit:

Loszulassen und die Fahrt zuzulassen.
Und Vertrauen zu haben.
Oder Mut aus Verzweiflung.

Er stellt seine Füße auf die Pedalen, hält sich gut an dem Lenkrad fest, und kommt ins rollen, mehr und mehr. Er wird schneller. Die Angst wird größer. Die Angst vor dieser Geschwindigkeit und auch davor, keine Kontrolle mehr zu haben, nicht mehr eingreifen zu können – denn dann würde er stürzen. Und die Angst vor dem, wo es hingeht, vor dem Noch-Unsichtbaren.

Er rollt und rollt, und da kein Staub mehr aufgewirbelt wird, wird seine Sicht immer klarer. Er kann erkennen, dass der Weg breit genug ist, auch lang genug für so eine schnelle Fahrt und vor allem frei.

Er nimmt die grüne Landschaft wahr, atmet die reine Luft ein und die Angst in seinem Inneren beginnt sich in Freude zu verwandeln. Wow, die Fahrt macht ja Spaß! Er wird sogar interessiert, wo es denn hingehen wird!

Allmählich wird das Gefälle flacher und flacher, bis es schon fast gerade ist und er seine Umgebung betrachten kann, während er entspannt rollt. Er ist mittlerweile in eine Landschaft eingefahren, die kaum schöner sein könnte: mit stattlichen Bäumen, wunderschönen Lichtungen mit Quellen, Wasserfällen und Bächen, viel saftigem Moos und Blumenwiesen. 

Ganz von allein kommt er zum stehen, steigt ab vom Rad und macht sich auf, diese wunderschöne Gegend zu erkunden.

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Text und Bilder © Melanie Ackermann
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